Individualität war ja eigentlich mal ein ganz geiles Konzept.
Von "Ich denke, also bin ich" über "Werde, was du bist" bis zu "Unterm Strich zähl ich" - das ist doch eine enorme gedankliche Wegstrecke, die man sich mal so reintun kann.
Wie konnte das passieren?
Das Problem ist vielleicht, dass das Konzept, es toll zu finden, nach der Einzigartigkeit des Selbst zu streben, überstrapaziert worden ist. Die "Kommune 1" war vielleicht das symbolische Bild dafür, nach dem Motto: "Schaut her, wie individuell wir leben" - noch im Kontext des "Wir", aber die Selbstinszenierung des Ichs ist da schon eingeschrieben.
Danach die 80er-Musikkultur, denn die war in Zeiten von MTV (was anderes gab's damals nicht), stilprägend. Es ging eigentlich nur um den neonfarbenen Schein der Selbstdarstellung.
Seit den 90ern hat sich das alles radikalisiert. Immerhin war es in den 80ern noch ein Statement, sich selbst darszustellen, in den 90ern verkam das zu einer Pose. Denken wir an H.P. Baxter, der nichts mehr dargestellt hat, sich auch gar nicht mehr die Mühe gemacht hat, etwas darzustellen, vor allem nicht mehr sich selbst, sondern eine Art von Ich-stell-mich-jetzt-mal-auf-die-Bühne-und-bin-der-absolute-Vollspasti-aber-ihr-seid's-ja-auch-also-who-cares. Das ist genau das Konzept der Casting-Show-Generation.
Und jetzt haben wir also "Unterm Strich zähl ich". Das ist eigentlich noch viel fieser, weil es geht nicht mehr Selbstentleerung, was ja auch etwas Befreiendes haben kann, sondern um die perfide Rückbesinnung darauf, dass nur ich selbst zähle. Aber eben nicht mehr auf dem Hintergrund, dass es geil für andere wäre, wenn ich mich selbst finde, sondern dass es schal ist für mich UND für andere, wenn ich mich da positioniere, wo ich ökonomisch, esoterisch, sozial und kulturell sein will.
Individualität in einer aufgehobenen Form in Gemeinschaften zu verstehen, wäre ein Anfang. Vielheiten, wie Deleuze es meinte, und damit ist sicherlich nicht ein verkappter Elternabend zu verstehen.
Donnerstag, 4. Dezember 2014
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