Individualität war ja eigentlich mal ein ganz geiles Konzept.
Von "Ich denke, also bin ich" über "Werde, was du bist" bis zu "Unterm Strich zähl ich" - das ist doch eine enorme gedankliche Wegstrecke, die man sich mal so reintun kann.
Wie konnte das passieren?
Das Problem ist vielleicht, dass das Konzept, es toll zu finden, nach der Einzigartigkeit des Selbst zu streben, überstrapaziert worden ist. Die "Kommune 1" war vielleicht das symbolische Bild dafür, nach dem Motto: "Schaut her, wie individuell wir leben" - noch im Kontext des "Wir", aber die Selbstinszenierung des Ichs ist da schon eingeschrieben.
Danach die 80er-Musikkultur, denn die war in Zeiten von MTV (was anderes gab's damals nicht), stilprägend. Es ging eigentlich nur um den neonfarbenen Schein der Selbstdarstellung.
Seit den 90ern hat sich das alles radikalisiert. Immerhin war es in den 80ern noch ein Statement, sich selbst darszustellen, in den 90ern verkam das zu einer Pose. Denken wir an H.P. Baxter, der nichts mehr dargestellt hat, sich auch gar nicht mehr die Mühe gemacht hat, etwas darzustellen, vor allem nicht mehr sich selbst, sondern eine Art von Ich-stell-mich-jetzt-mal-auf-die-Bühne-und-bin-der-absolute-Vollspasti-aber-ihr-seid's-ja-auch-also-who-cares. Das ist genau das Konzept der Casting-Show-Generation.
Und jetzt haben wir also "Unterm Strich zähl ich". Das ist eigentlich noch viel fieser, weil es geht nicht mehr Selbstentleerung, was ja auch etwas Befreiendes haben kann, sondern um die perfide Rückbesinnung darauf, dass nur ich selbst zähle. Aber eben nicht mehr auf dem Hintergrund, dass es geil für andere wäre, wenn ich mich selbst finde, sondern dass es schal ist für mich UND für andere, wenn ich mich da positioniere, wo ich ökonomisch, esoterisch, sozial und kulturell sein will.
Individualität in einer aufgehobenen Form in Gemeinschaften zu verstehen, wäre ein Anfang. Vielheiten, wie Deleuze es meinte, und damit ist sicherlich nicht ein verkappter Elternabend zu verstehen.
Donnerstag, 4. Dezember 2014
Montag, 23. Juni 2014
Anleitung zum Unglücksein Extra
Wer
sich nachhaltig unglücklich oder dumpf glücklich machen will, was
auf dasselbe herausläuft, der wird weiter beständig versuchen, sein
Glück ausschließlich in der Bestätigung durch Andere zu suchen.
In
Großstädten wie Berlin ist diese flaue Art der Glückssuche zum
Expertentum gereift. Ganze Bars sind gefüllt von Männern und
Frauen, die nichts anderes tun, als anzupreisen, wie urban, wie
modern, wie understated, wie anti, wie post-anti, wie metrosexuell,
wie retro-sexuell sie sind - alles in der dumpfen Hoffnung auf eine
lasche Bestätigung ihres mühsam konstruierten Selbstbildes, die sie
dann nicht annehmen können, wenn sie erfolgt. Und so sieht man sie,
wie sie ihrem groß angelegten Monolog lauschen, der nie zur
Erfüllung kommen kann. Am nächsten Tag sitzen sie wieder in der Bar
und dasselbe Spiel beginnt von vorn.
Dabei
verkennen sie, was für ein stumpfer Einfall es doch ist, den
Gegenüber nur als Bande ihrer Selbstanpreisung zu verstehen. Es geht
keineswegs um Sebstverliebtheit, denn diese beharrlichen paradoxen
Glückssucher lieben sich ja nicht selbst, sie verachten sich selbst.
Sie gönnen sich selbst nur diesen hohlen semi-anerkennenden Blick
des Anderen: "Ah, ist ja interessant, was du da so machst"
oder auch "Vom Typ her bist du wirklich ein cooler Typ".
Das eigentlich Tragische an diesem Phänomen ist, dass es keine Spielverderber gibt.
Die, die lasch anerkennen, hoffen im nächsten Moment die lasch
Anerkannten zu sein. Niemand würde aufstehen und sagen: "Mit
welchem Recht gehst Du eigentlich davon aus, dass Dein Scheiß mich interessiert?".
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