Diese Illusion kann sich hartnäckig halten. Denn tatsächlich begegnen einem in Berlin ständig Menschen, die auf den ersten Blick sehr attraktiv erscheinen. Manchmal in einem Club, aber oft auch einfach auf der Straße, wo es nicht angebracht erscheint, diese Person einfach anzusprechen und dennoch bleibt der ständige Reiz.
Das Begehren hört nicht auf, da braucht man sich erst gar keine Illusionen machen: "Das Begehrenswerte sättigt nicht das Begehren, sondern vertieft es, es nährt mich gewissermaßen mit neuem Hunger" (Levinas). Das kann durchaus auch mit EINER Frau passieren, meistens passiert es mit ganz unterschiedlichen Frauen.
Unbewusst findet man also immer etwas, was man sich nicht gewünscht hat - mangelnde seelische Verbundenheit, mangelnde sexuelle Anziehungskraft, mangelnde gemeinsame geistige Ebene - und das Perfide ist, dass es genau immer dieser Mangel ist, der ein neues Begehren hervorruft.
Man muss sich allerdings klar machen, dass der eigene Wunsch, der letztlich der narzisstische Anspruch auf Liebe durch den Anderen (so wie man sich ihn wünscht) ist, exakt den Tod des Anderen bedeutet, indem er genau den Anderen in seinem Anderssein leugnet und auf seinen eigenen Anspruch reduziert.
Ergo ist die einzige Möglichkeit die fatale unendliche Kette des Begehrens zu durchbrechen, sich auf den Anderen einzulassen, so wie er ist. Und keinen Deut davon abzuweichen.
Ich versteh das nicht. Warum muss man alle Hoffnungen und Wünsche aufgeben, wenn man sich auf jemanden einlässt? Das klingt so endgültig. Dabei ist doch jedem Bewohner einer Großstadt klar, dass die Zeiten, in denen Beziehungen ein Leben lang dauern, vorbei sind. Heiraten ist out. Ein "Ich liebe Dich" verpflichtet nicht mehr zu irgendwas. Klingt frustrierend, ist aber so. Was ich also nicht verstehe ist, warum viele so eine überdimensionale Angst davor haben, eine Beziehung einzugehen. Es besteht doch jederzeit die Möglichkeit, auszusteigen. Und nicht nur an den Haltestellen, sondern jederzeit überall. Warum also diese teilweise schon panische Angst?
AntwortenLöschenManchmal habe ich den Verdacht, dass die Angst doch andere Ursachen hat als nur die reine Unlust, andere Optionen aufzugeben. Vielleicht ist es eher die Befürchtung, den Ansprüchen des anderen nicht gerecht zu werden und letztendlich die schnöde Angst, verletzt zu werden. Lässt man sich nie so richtig fallen, oder sucht nur engen Kontakt zu Personen, bei denen keine Gefahr von Nähe besteht (weil diese keine Nähe zulassen können oder schlicht nicht interessiert sind), kann man selbst nicht behelligt und enttäuscht werden. So primitiv dieses psychologische Klischee klingt, ich bin davon überzeugt. Jeder versucht, sich um jeden Preis vor Verletzungen zu schützen. Dadurch werden allerdings kaum noch Risiken eingegangen und kranke Beziehungen begünstigt: Leute finden zusammen, die sich eigentlich nicht mögen und von vornherein wissen, dass sie nie ein Paar werden können; perfekte Bedingungen dafür, dass der zwischenmenschliche Kontakt nahezu spurenlos an ihnen vorübergeht. Und alle haben nur noch ungefährliche unverbindliche Affären. Wie langweilig.
Ich finde es umgekehrt besser oder zumindest leidenschaftlicher: erstmal Einlassen und dann sehen, ob es funktioniert.