Donnerstag, 12. Mai 2011

Das Pizzamädchen

Ich kannte mal einen, der war in die Pizzaverkäuferin in seiner Straße verliebt. Es hat ihm nicht gut getan.

Sie hatte rote Haare und eine liebliche Stimme. Es war vor allem ihre Stimme, die er täglich hören wollte und weshalb er an jedem Tag, egal welches Wetter es gab, eine Pizza bei ihr essen ging. Sie war jung, viel jünger als er, hatte immer ein Lächeln auf den Lippen und er freute sich jeden Tag auf den Moment, in dem sie zum Ofen ging, um seine fertig gebackenen Stücke heraus zu holen, weil er dann drei Sekunden Zeit hatte, ihren etwas zu großen, aber sehr wohl geformten Hintern anzuschauen.

Ihre Konversation ging nicht über "Zwei Stücke mit Thunfisch" und "4 Euro bitte" und "Danke" hinaus. Irgendwie ergab sich für ihn nie die Möglichkeit, ihr auch nur "Einen schönen Tag noch" zu wünschen. Er fand für sich nie den richtigen Moment, so etwas zu sagen, es fühlte sich einfach nicht richtig an.

Jeden Tag überlegte er sich, bevor er zum Pizzaladen aufbrach, wie er sie persönlich ansprechen könnte, ohne dass es gezwungen wirkt. Aber je mehr er sich es überlegte, desto höher wurde sein Anspruch an sich selbst. Vor allem der Einstieg bereite ihm Sorgen: Sie zu fragen, ob sie jeden Tag arbeiten würde hatte sich damit erledigt, dass er jeden Tag da war. Sie einfach nach ihrem Feierabend oder ihrer Nummer zu fragen, erschien ihm zu eindeutig. Sowieso war er längst über den unverfänglichen Punkt längst hinaus, weil sie sicherlich schon wusste, dass er nicht nur wegen der leckeren Foccacias, sondern vor allem wegen ihr jeden Tag wieder kam. Sie freute sich dennoch immer, wenn er herein kam, aber er konnte nicht entwirren, ob sich ihre Freude auf seine Stammkundschaft oder seine Persönlichkeit bezog.

So verging ein ganzer Sommer, an dem er immer nur an das Pizzamädchen dachte. Irgendwann, es waren schon die ersten kühlen tage im September, wurde ihm alleine beim Gedanken an eine weitere Thunfischpizza so übel, dass er sich auf dem Weg zum Laden erbrechen musste. Er schleppte sich ein letztes Mal herein und bestellte trotzdem seine Lieblingspizza. Ein letztes Lächeln von ihr, ein letztes Mal "4 Euro bitte".

Auf dem Weg nach Hause warf er die beiden Stücke Pizza in den Mülleimer.

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